Das "Amt der Stecknitzfahrer" & Die "Kringelhöge"
Der Stecknitzkanal (alte Bezeichnung: Stecknitzfahrt) wurde in den Jahren 1392 bis 1398 zwischen Lübeck und Lauenburg gebaut. Er war der erste Wasserscheidenkanal in Europa.
Geschichte
Im Mittelalter erlebte der Warenaustausch zwischen Nord- und Ostsee seine erste Blütezeit. Doch die Reise durch den Sund, die seit dem 13. Jahrhundert zunehmend von der Handelsschifffahrt gewählt wurde, war zeitraubend und gefährlich. Sie bedeutete gegenüber dem Landweg einen äußerst gefährlichen, 200 Seemeilen langen Umweg. Daher einigten sich die aufstrebende Hansestadt Lübeck und der lauenburgische Herzog Erich IV. im Jahr 1390 auf den Bau eines Kanals zwischen Elbe und Ostsee.
Im Jahre 1391 begannen die Bauarbeiten zum Stecknitzkanal. 1398 wurde erstmals Salz aus Lüneburg in einer fünfwöchigen Fahrt nach Lübeck transportiert. Am 22. Juli 1398 erreichten die ersten 30 Kähne die Hansestadt. Damit wurde die Alte Salzstraße als Haupttransportweg für das Lüneburger Salz abgelöst; im 16. Jahrhundert betrug das jährliche Verkehrsaufkommen 800 bis 1.500 Prahmen. Das Salz wurde in den Lübecker Salzspeichern an der Obertrave, von denen noch einige neben dem Holstentor erhalten geblieben sind, gelagert und auf seegängige Schiffe für den Export in den gesamten Ostseeraum umgeladen. Die Bedeutung des Kanals stieg immer in den Jahren, in denen beispielsweise wegen Streits um Sundzoll und Umlandfahrer der öresund für Handelsschiffe gesperrt war.[1] Gleichwohl konnten sich konkurrierende Kanäle wie der Wallensteingraben in Richtung Wismar gegen die Verbindung zwischen Elbe und Trave nie behaupten.
Zu seinen Hochzeit im 15. Jahrhundert wurden über 3.000 Schiffsladungen mit mehr als 30.000 Tonnen Salz pro Jahr auf dem Kanal bewegt. Diese Zahl reduzierte sich im 17. Jahrhundert auf 160 Schiffe mit 400 bis 600 Ladungen (5.000 bis 7.000 Tonnen). Im Jahr 1789 waren es noch 64 Schiffe mit rund 680 Tonnen Salz. In umgekehrter Richtung transportierten die Stecknitz-Prähme Getreide, Felle, Heringe, Asche, Holz und andere Güter aus Lübeck, die in Lauenburg umgeladen und auf der Elbe gen Hamburg verfrachtet wurden. Später kamen Kohle, Torf, Ziegel, Kalksteine und Kies hinzu.
Ihre Mannschaften für die Salzfahrten rekrutierten die lübischen Kaufleute meist in Lauenburg. Während die Lübecker "Salzherren" an keine Begrenzungen gebunden waren, durften die Stecknitzfahrer nur jeweils einen Kahn besitzen, womit sie natürlich keine großen Reichtümer erwerben konnten, so dass auf Dauer die Abhängigkeit von den Salzherren aufrechterhalten blieb.
1819 wurde, um die abnehmende Nachfrage gerecht zu verteilen, die Reihefahrt eingeführt. Die Mitglieder des Amtes der Stecknitzfahrer mussten ihre 90 Schiffe durchnummerieren. Transport-Aufträge wurden in der Reihenfolge dieser Nummern vergeben. Außerdem durften nicht mehr als drei Schiffe zur selben Zeit beladen werden, zudem war auf Lübeckischer Seite die Zahl der Schiffsbesitzer begrenzt. Die Reihefahrt bewährte sich jedoch nicht, so dass sie 1840 wieder aufgehoben wurde. Stattdessen wurden vom lübeckischen Staat Prämien für schnelle Kanalpassagen vergeben. Brauchte ein Schiffer weniger als neun Tage für die Strecke von Lauenburg nach Lübeck, erhielt er für jeden eingesparten Tag 6 Mark. Diese Prämie wurde später wieder abgeschafft.
500 Jahre lang wurde der Kanal benutzt, um das "weiße Gold" zu transportieren, bis er am Ende des 19. Jahrhunderts vom Elbe-Lübeck-Kanal abgelöst wurde, der teilweise die alte Trasse des Stecknitz-Kanals benutzte. In Lauenburg ist noch heute die Palmschleuse und bei Witzeeze die Dückerschleuse von 1798 als Teil des ursprünglichen Stecknitzkanals erhalten.
Stecknitzfahrer
Sehr schnell hatte eine kleine Gruppe von Lübecker Kaufleuten, die sogenannten "Salzherren", es verstanden, sich das alleinige Recht zur Schifffahrt zu sichern. Ihre Knechte, die die Kähne fuhren, schafften allerdings häufig den sozialen Aufstieg, wurden selbst Schiffseigner und gründeten das noch heute bestehende "Amt der Stecknitzfahrer", eine Interessensgemeinschaft in Form einer Gilde.
Die Korporation (Gilde) der Stecknitzfahrer besteht heute noch in Lübeck und trifft sich alljährlich zur Kringelhöge, bei der ein speziell gebrautes Bier aus Zinnkrügen getrunken und Tabak aus Tonpfeifen geraucht wird.
Im Januar 1988 wurde in Ratzeburg der Förderkreis Kulturdenkmal Stecknitzfahrt e.V. gegründet, der sich zum Ziel gesetzt hat, die in Vergessenheit geratene "nasse Salzstraße" einer breiteren öffentlichkeit wieder ins Bewusstsein zu rücken.[2] Der alljährliche Tag des offenen Denkmals im September zieht zunehmend mehr interessierte Besucher an der Palm-, Dücker- oder Hahnenburger Schleuse an.
"Bei alledem könnte man meinen, die Stecknitzfahrer seien eine gottesfürchtige, mildtätige Gesellschaft gewesen; doch dem war nicht so. Der bruderschaftliche Zusammenschluss war einfach eir Gepflogenheit der damaligen Zeit. Man brauchte ihn, um sich bei den übergeordneten Stellen Gehör zu verschaffen, aber auch der Geselligkeit wegen, nicht zuletzt auch, um durch kirchliche Anerkennung und kirchliche Handlungen das persönliche Seelenheil zu fördern.. Im übrigen nutzten sie ihren festen Zusammenhalt, um ihren Arbeitgebern, den Salzherren - auch Salzführern genannt - höhere Löhne abzutrotzen und ihr Monopol der Stecknitzfahrt zu verteidigen. Obgleich die Salzherren natürlich das Recht hatten, neue Leute unter Vertrag zu nehmen, erzwangen sich d: Stecknitzfahrer ein Mitspracherecht bei Neueinstellungen. Dies führte dazu, dass nur ihnen genehme Leute, meist Familienangehörige, angenommen wurden. Das stärkte den Zusammenhalt natürlich noch mehr-, sogar ein Eintrittsgeld ließen sie sich von neu hinzukommenden Leuten bezahlen.
Die Salzherren bezahlten ihre Knechte für jedes Schiff und jede Reise. Davon mussten außer der Unterhaltung der eigenen Schiffsutensilien auch alle unterwegs entstehenden Unkosten, wi Schleusengeld und der Lohn für Hilfskräfte, bezahlt werden.
Für die Zeit um 1540 ist folgendes belegt: 75 bis 80 Stecknitzfahrer führten etwa 220 Schiffe. Durchschnittlich hatte also jeder drei Schiffe zu führen. Der Lohn für die Sommerreise eines Salzschiffes vo Lauenburg nach Lübeck betrug 4 Mark.. 1569 waren es schon 5 Mark 4 Schillinge, und bis 1635 hatte er sich auf 19 Mark erhöht. War dieses auch im wesentlichen auf die damalige allgemeine Geldwertung zurückzuführen, so zahlten doch die Salzherren nicht freiwillig. Die meisten Lohnerhöhungen wurden er. durch Streiks erreicht, wie sie für die Jahre 1554, 1556, 1593 und 1594 verbürgt sind. Das ging so wei dass die Fracht einfach an Land abgesetzt und auf eigene Rechnung Holz gefahren wurde.
Zu einem großen Lohnstreit zwischen den Salzherren (Salzführern) und ihren Knechten kam es ir Jahre 1557. Nur durch Vermittlung des Rates der Stadt Lübeck konnte eine Entlassung der gesamte Stecknitzfahrer vermieden werden. In dem diesbezüglichen Vertrag heißt es: "Weil die Knechte sich gegen ihre Herren mutwillig aufgelehnt und zusammen verbunden und ihre Herren über alle Billigkeit beschwert und bedrängt haben, so haben die Salzführer gute Fuge und Recht gehabt, sich mit anderen gehorsamen Knechten zu versehen. Sie haben aber auf Fürbitte der vom Rat bestellten Unterhändler sie noch diesmal in ihrem Dienst belassen, doch unter der Voraussetzung, dass sie sich fortab gut betragen. Werden aber fernerhin Knechte ungebührlich und mutwillig befunden, so sollen die Salzführer Macht haben, sie von den Schiffen zu entsetzen und andere an ihrer Stelle anzunehmen."
Dass es sich bei den Stecknitzfahrern, zu deren Berufsausübung keine besonderen Kenntnisse, sor dem nur körperliche Kraft notwendig waren, um recht raue Burschen handelte, die auch untereinader nicht zimperlich waren. wenn es um die Einhaltung ihrer Kampfmaßnahmen ging, geht auch aus einer Klageschrift der Salzführer vom Januar 1575 hervor : "Die Unschuldigen strafen sie. Buben und Verbrecher schützt man bei ihrem Mutwillen. Einer armen Stecknitzfahrerwitwe, die im vergangenen Sommer, zur sleben Zeit, als sie sich gegen uns verbunden und nicht fahren wollten, mit zwei leeren Schiffen nach Lauenburg gegangen ist, haben sie darum eine Tonne Bier als Strafe abgenommen. Die aber, die damals des Kaufmanns Gut eingeladen haben und hier liegen geblieben sind oder die Waren unterwegs längs der Stecknitz an Land gesetzt haben, mit unsern Schiffen eine Weile Holz für eigene Rechnung gefahren und dann nach 4 oder 6 Wochen endlich das Gut wieder aufgenommen und weiterbefördert haben, die das ganze Jahr hindurch kaum 2 Reisen für ihre Herren gemacht haben, das sind ihre besten Freunde. Es liegt nicht an den Salzführern, wenn die Stecknitzfahrer nichts vor sich bringen, sondern allein an ihrer Gesellschaft. Wenn sie zusammen kommen, dann geschieht es mit Fressen und Saufen. Dazu schazt einer dem andern das Geld ab. So verbringen sie ihren Verdienst, dass keiner von Ihnen auf einen grünen Zweig kommen kann.
Sie haben kürzlich ein neues Statut unter sich aufgerichtet, dass jeder neue Stecknitzfahrer, ehe er von ihnen zugelassen wird, 24 Mark an ihre Gesellschaft bezahlen muss, wovon sie die Hälfte vertrinken, die andere angeblich in ihre Armenbüchse tun. Sie streben danach, überhaupt keine fremden Stecknitzknechte mehr zulassen und sich die Fahrt eigen zu machen. . Es ist also erkennbar, dass die offiziell als Korporation immer noch nicht bestätigten Stecknitzfahrer inoffiziell doch anerkannt wurden. Die Verhandlungen fanden immer mit den älterleuten als Vertretern der gesamten Stecknitzfahrer statt. Schon 1563 hatten sie in der Hartengrube ein Haus erworben, das zum Amtshaus hergerichtet wurde. Es gelang ihnen sogar, für dieses Haus die Schankerlaubnis zu erlangen. So konnten hier Versammlungen und andere Zusammenkünfte stattfinden. Eine Hausordnung wurde aufgestellt, "wonach sich ein Jeder zu richten in dieser Gesellschaft oder Bruderschaft". Aber erst 1630 erhielten sie vom Rat der Stadt Lübeck die lang ersehnte Zunftrolle, die dann 1635 noch einmal neu geordnet wurde.
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Dieses Haus liegt im Lübecker Viertel der Stecknitzfahrer unterhalb des Domes (sog. "Malerwinkel" an der Obertrave) :Das Viertel der Stecknitzfahrer gehört zu den malerischsten Teilen der Lübecker Altstadt. Hier sind die Straßen, die sich in leichter Biegung hoch zum Dom ziehen, besonders eng bebaut, die Häuser im Vergleich zum reichen Kaufmannsviertel kleiner, häufig traufenständig. Das Viertel der Stecknitzfahrer unterhalb des weiten Domviertels, ist auch das Viertel der Gänge, die entstanden, als Wohnraum in der mittelalterlichen Stadt knapp wurde. Aus Platzmangel wurden die Hinterhöfe mit einfachen Buden eng bebaut. Erreichbar waren sie durch niedrige Gänge die oft nachträglich im Vorderhaus angelegt wurden. |
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Das Amt der Stecknitzfahrer - Frontalansicht. |
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zwei Plastiken von Stecknitzfahrern über dem Hauseingang. |
Von diesem Zeitpunkt [1630] an gab es das "Amt der Stecknitzfahrer". Die in der Rolle festgelegten Regeln besagten u.a., dass die Stecknitzfahrer Lübecker Bürger und dem meist für ein Jahr von allen Amtsbrüdern gewählten ältesten Gehorsam schuldig waren. Die Wahl bedurfte der Zustimmung der `Wette`. Der ältermann hatte dafür zu sorgen, dass im Amt Ordnung herrschte und den Salzherren Gehorsam geleistet wurde. Bei kleineren Vergehen konnte er Strafen auferlegen, bei größeren sollte er die Wette informieren. Aber auch Sonderrechte hatten die ältesten. So durften sie auf ihren Schiffen Bier mitführen, während die Stecknitzfahrer es an den Schleusen kaufen mussten 145). Verhandelt wurden solche Dinge in der "Amtswoche". Im Winter, wenn die Schifffahrt ruhte, versammelte man sich am Montag nach dein Tag der Heiligen Drei Könige im Amtshaus. Kein Amtsbruder durfte unentschuldigt fehlen. Alles, was im Laufe des Jahres vorgefallen war, kam zur Sprache. Ein wichtiger Punkt in den Verhandlungen war, weil er Geld in die Amtskasse brachte, die Verhängung von Strafen.
Es ist verständlich, dass die ganze Woche draufging, wenn [so] viele Dinge verhandelt und zu Protokoll gegeben werden mussten. Ein 1808 begonnenes Amtsbuch ist noch vorhanden und gibt Aufschluss. Auf der ersten Seite heißt es:
"Anno 1808 d. 11 ten Jannyar
ist dieses Buch angefangen
Gehöret an das
Amt der Stecknitzfahrer.
Sind Elteßen gewesen
Hans Nicolaus Bruhns
Hans Adolhf Stühff
Andreas Michael Stalbom
und amten Schreyber gewesen
Jürgen Arend Jennerich"
Das alljährliche Protokoll beginnt bis zum Jahre 1815 immer mit den Worten: .ln Gottes Nahmen fangen Wir unser Amt zu halten an, Gott gebe seinen Seegen dazu dass Wir in Seegen und Frieden und Einigkeit es Volbringen." Es folgen die Namen sämtlicher Amtsbrüder mit den von ihnen gezahlten Jahresbeiträgen von je 3 Mark. Die älterleute und die Schaffet sind beitragsfrei, die Witwen, sofern sie noch fahrende Schiffe haben, zahlen die Hälfte. Es folgen dann die sonstigen Einnahmen. Dazu gehört auch, dass 1841 der Amtsbruder Christian Bruhns 11 Mark und 10 Schillinge an die Amtskasse zahlen musste "für die Beywohnung seiner Frau vor der Heyrath".
Auch die Ausgaben sind sorgfältig verzeichnet. Zur Instandhaltung des Kanals wird kräftig beigesteuert. die Kirchen werden bedacht, und ihre Armenkasse muss auch wieder aufgefüllt werden. Meistens gleichen Ein- und Ausgaben sich aus.
Das (angemaßte) Recht der Lübecker Salzfuhr, die schon seit langer Zeit hauptsächlich Kaufmannsgüter verfrachtete, auf alleinige Nutzung des Stecknitzkanals, ließ sich im 19. Jahrhundert nicht mehr halten. Im ganzen Deutschen Reich wurden die Privilegien einzelner Gruppen allmählich abgebaut. Mit Wirkung vom 1. Januar 1845 wurde durch ein Dekret der Lübecker Regierung sowohl die Innung der Salzfuhr als auch die der Stecknitzfahrer aufgehoben. Ab sofort konnte jedermann Schiffe besitzen und, wenn er im Besitz eines gültigen Patentes war, den Stecknitzkanal befahren.
Das "Amt der Stecknitzfahrer" gab es also fortan nicht mehr. Die in Jahrhunderten zusammen gewachsenen Schiffer ließen sich aber nicht zersplittern. Zwar wurde das Amtshaus verkauft, weiterer Besitz und weiteres Amtsvermögen wurde unter ihnen aufgeteilt. Doch auch danach hielt man weiterhin fest zusammen.
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Nach der Auflösung des "Amtes der Stecknitzfahrer" im Jahre 1845 ausgestelltes Schifferpatent |
Mit finanzieller Hilfe der Stadt können sich nunmehr die Schiffer eigene, größere Schiffe bauen, mit denen sie auch die Elbe befahren. Sie sind jetzt Flussschiffer und gründen 1854 einen Verein. Das Vereinsleben verläuft in den gleichen Bahnen wie einst das Amtsleben. Auch jetzt noch kommen Neuaufnahmen fast nur aus den Reihen der eigenen Familien in Betracht.! Dieser fast familiäre Kreis der Lübecker Flussschiffer (heute sagt man Binnenschiffer) hat sich bis heute erhalten. Die Tradition des alljährlichen Festes der Kringelhöge wird immer noch aufrechterhalten. [Walter Müller: Die Stecknitzfahrt]
Quelle: Wikipedia, Die Gemeinde Rondeshagen
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